Wusstest du schon, dass du traurig sein darfst?

Kannst du mal einen Artikel darüber machen, dass es in Ordnung ist traurig zu sein? Denn einer Freundin und mir ist aufgefallen, dass junge Menschen heute gar nicht mehr traurig sein dürfen. Wenn man wegen etwas traurig ist, heißt es: „Geh zu Starbucks, mach dir n Mädelsabend und jut ist“. Enttäuschte Menschen will keiner um sich rum. Man muss nach drei Tagen wieder voll da sein und nur noch im Stillen traurig sein. Facebook will Urlaubsbilder und keine traurigen Menschen.

Natürlich erinnerte ich mich nach dieser Anfrage daran, schon einmal was zu diesem Thema gemacht zu haben. Generell habe ich schon viel über Wut, Zorn, über Angst und auch Trauer geschrieben. Einen Artikel konnte ich ihr sogar gleich schicken: Diese Regentage.

Aber all die anderen Artikel, die ich über die Suchfunktion meines Blogs fand, all die Artikel die Wut, Trauer, Zorn und Angst behandeln, bis auf diesen einen – handeln hauptsächlich davon, wie du diese Gefühle überwindest.
Das brachte mich zum Nachdenken.

Mein Beitrag für Trauer und Wut

Meine Mission ist klar. Ich will Menschen motivieren und inspirieren, um das Beste aus sich selbst heraus zu holen. Ich will, dass die Menschen ihre Ziele erreichen, dass sie glücklich werden und ein zufriedenes, überragendes und glücklich machendes Leben führen, ganz egal wie Glück für sie auch aussehen mag. Wenn mir also ein Mensch begegnet, oder ich ein Thema aufschnappe, bei dem es nicht so gut läuft, setze ich mich hin und tippe los. Ich produziere inspirierende und motivierende Worte. Ich zeige Lösungsansätze auf, biete meine Hilfe an, trete in Ärsche – oder lasse in Ruhe.

Denn interessanterweise weiß ich, dass es immer auch eine Zeit für Trauer, eine für Wut und sogar eine für laut brüllenden Zorn geben muss.
Interessanterweise bemühe ich mich, den Menschen um mich herum auch den Raum dafür zu geben, wenn ich spüre, dass sie ihn brauchen. Auch das war nicht immer so, auch ich habe, mache und werde auch immer eine Entwicklung durchmachen, so wie alle anderen auch. Aber schon seit einer ganzen Weile bin ich von einem „reiß dich zusammen“-Menschen zu jemandem geworden, der sagt „okay, ich gebe dir Raum, melde dich, wenn du es angehen willst, dann helfe ich dir“.

Aber weißt du, was ich dabei vergessen habe – und nicht nur ich?

Dir auch zu sagen, dass es okay ist.

Es ist okay, traurig zu sein.
Mitte diesen Jahres lag ich selbst noch mit gebrochenem Herzen tagelang im Bett und habe mir wegen einem Idioten die Augen ausgeheult.

Es ist okay, wütend zu sein.
Letzte Woche hat eine Frage mich so wütend gemacht (weil alte Wunden aufgerissen wurden, die fast verheilt waren), dass ich mir gleich drei Leute ranholen musste, bei denen ich mich furchtbar aufregen und es rauslassen konnte.

Es ist okay.

Die meiste Zeit sprühe ich vor guter Laune, bin ein Quatschkopf, manchmal ein bisschen durchgeknallt und werde von vielen meiner Freunde liebevoll „Freak“ genannt. Im Gegensatz zu früher, habe ich heute verdammt viel Power in den Adern, Hummeln im Arsch und mein Selbstbewusstsein ist breiter als jeder Türsteher. Ich liebe es, zu lachen, ich liebe es, Freude zu empfinden und zu teilen. Wenn die Menschen um mich herum glücklich sind, bin ich es auch und wenn sie es nicht sind, springt in mir sofort der Drang an, ihnen dazu zu verhelfen, glücklich zu werden.

Aber das ist auch nicht immer der Fall. Mein Roman steht kurz davor, an die Lektorin zu gehen und obwohl ich eigentlich weiß, dass es viele Menschen gibt, die mögen wie ich schreibe, habe ich große Angst davor, dass sie mein Buch öffnet, die ersten Absätze überfliegt und sich denkt „Was ist das denn für ein Scheiß?“. Dann gibt es Tage, an denen ich keine Lust hab, aufzustehen. Es gibt Situationen, in denen ich von Menschen enttäuscht werde und dann verletzt oder wütend bin. Ich habe Angst, ich werde wütend und ich bin auch manchmal traurig.

Es ist völlig egal, ob du noch am Anfang stehst, ob du auf einem guten Weg bist, einen Rückschritt durchmachst, oder kurz vorm Ziel stehst. Selbst wenn du schon da bist, nimmt dir das nicht das Recht, traurig oder wütend zu sein.

Warum will eigentlich niemand Trauer sehen?

Weil Trauer uns betroffen macht. Wir wissen oft nicht, wie wir damit umgehen sollen. Außerdem zieht es auch uns selbst runter. Es ist ein unschönes Gefühl und die Trauer von jemand anderem ist immer bis zu einem gewissen Grad ansteckend. Wir wollen sie nicht sehen, weil wir natürlich immer nach dem schönen Gefühl streben, nach den Gefühlen, die Glückshormone in uns auslösen. Wenn dir die Person nahe steht, willst du zwar helfen und für sie da sein. In diesem Moment überwindest du deine natürliche Abwehrhaltung gegenüber Trauer. Weil dir diese Person in dem Moment wichtiger ist.

Aber gerade auf Facebook sind viele (nicht alle, aber viele) „Freundschaften“ oberflächlicher Natur. Wenn jemand halbfremdes, der dir nicht wirklich viel bedeutet, ein paar Monate lang unter etwas leidet, dann willst du das nicht sehen. Du loggst dich gut gelaunt ein und wirst mit „seinen Jammerpostings überschwemmt“. Deine Mundwinkel gehen nach unten und dein Körper straft dich ab, indem er dir die Glückshormone entzieht. Und warum? Weil dieser Idiot/diese Heulsuse nur am rumjammern sind. Zack – entfolgt. Oder du klatscht einen blöden Kommentar drunter und verbreitest noch mehr miese Stimmung.

Negatives von dir fern zu halten, ist eine natürliche Reaktion. Schließlich streben du, ich, wir alle irgendwo doch nach Glück. Das Leben ist – so gesehen – kurz und anstrengend. Wir gehen durch viele Prüfungen, müssen oft auf die harte Tour lernen, treffen auf Plateaus, müssen Mauern überwinden und hart arbeiten, um „die Sonnenseite“ überhaupt erst zu erreichen. Manche mehr, manche weniger, je nachdem wie sich jeder einzelne von uns dabei anstellt. Und zu diesem ganzen Ärger, den Sorgen und Nöten, der Trauer und der Wut aus seinem eigenen Leben kommt nun noch eine andere Person und zeigt ihren eigenen Ärger, ihre eigenen Sorgen und die Trauer. Es ist zu leicht und zu verlockend, an dieser Stelle zu entscheiden: „Nein… das nehme ich nicht auch noch.“

Und auch das ist okay. Du musst dich nicht mit der Trauer und der Wut und der Enttäuschung von anderen herum schlagen. Aber du musst ihnen zugestehen, diese Gefühle zu haben. Du musst dir selbst zugestehen, diese Gefühle zu haben. Akzeptieren, dass es sie gibt und das es dafür auch eine Zeit in deinem Leben gibt.

Strebe nach Glück. Strebe nach Erfolg, nach dem Leben das du führen willst. Aber akzeptiere, dass es auch Phasen gibt, in denen einfach alles scheiße ist. In denen du Angst hast vor der Zukunft. In denen du jemandem hinterher trauerst. In denen du wütend auf das Arschloch bist, das sich nicht meldet – oder wütend auf die Arschlöchin, die dich hat fallen lassen, obwohl es gut lief. Heule, wenn deine Großeltern sterben. Schreie, wenn du so so wütend auf eine Person bist, die dich sehr verletzt hat. Schimpfe, tobe, heule, bekomme Schnappatmung, geh deiner besten Freundin oder deinem besten Freund auf den Sack mit deiner Trauer und sag ihnen, dass sie gefälligst die Klappe halten sollen, wenn ein „Ich habs dir doch gesagt“ über ihre Lippen rutscht.

Dafür sind sie da

Vielleicht ist Facebook, oder andere Socialmedia-Plattformen wirklich nicht der Ort, um deine Trauer zu zeigen. Zumindest nicht, wenn du nicht nach drei Tagen wieder obenauf bist. Denn ja, unsere Gesellschaft wendet sich gern von negativen Gefühlen ab. Weil jeder einzelne von uns eben nach den schönen Gefühlen strebt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Menschen, die sich der Trauer und dem Unglück regelrecht verschrieben haben. Die ein Leben führen, das aus Jammern besteht. Denen immer nur schlimmes passiert, was sie wieder darin bestätigt, wie schlimm ihr Leben ist. Sie bilden den krassen Gegenpol zu den erfolgreichen „immer happy“ Personen. Selbst ich frage mich vor einem Blogpost der solche Gefühle behandelt immer wieder, ob es „okay“ ist, sowas jetzt zu posten. Und dann gebe ich diesen Artikeln immer wieder eine positive Endnote, um am Ende doch noch den Schwung in Richtung „weiter gehts“ zu erwischen. Weil auch ich instinktiv spüre, dass Gejammer anderen Menschen auf den Keks geht.

Aber vielleicht ist genau das auch ein Fehler. Denn damit unterstütze auch ich das öffentliche Bild des „3 Tage darfst du trauern und dann reiß dich gefälligst wieder zusammen“. Deshalb lasse ich diesen Artikel anders enden. Mir selbst geht es jetzt in diesem Moment ziemlich gut. Ich bin glücklich – sogar grundlos. Einfach, weil ich es bin. Aber ich weiß, dass viele andere Menschen es momentan nicht sind. Das du vielleicht gerade wütend bist. Ob zurecht oder nicht, ist dabei völlig egal. Du bist verdammt nochmal wütend, also sei es auch. Oder vielleicht heulst du auch gerade, weil jemand aus deinem Leben verschwunden ist. Durch den Tod oder weil du verlassen worden bist. Vielleicht hast auch du jemanden verlassen, fühlst dich endlich frei und heulst trotzdem, weil ihr sehr lange zusammen wart und sich das jetzt doch irgendwie seltsam und beängstigend anfühlt, obwohl du eigentlich froh bist. Verwirrendes Gefühl, oder?

Aber weißt du was? Es ist okay, dass du so empfindest. Deine Gefühle sind immer ein Ausdruck deiner Selbst, also sind sie selbstverständlich okay. Wenn du dir selbst mit deiner schlechten Laune schon auf den Wecker gehst und du willst, dass es anders wird: DANN ändere was.
Aber wenn du einfach nur leiden möchtest, wenn du ausleben willst, dass es dir schlecht geht – dann tus. Nur weil es nach dem Tod eines nahen Verwandten nur drei Tage „Trauerfrei“ gibt, heißt das nicht, dass du es nach drei Tagen überwunden haben musst. Und wenn du ein, zwei, zehn Jahre nach dem Tod eines geliebten Menschen plötzlich spürst wie es nochmal hoch kommt, dann lass es zu. Spare dir vielleicht Facebook, Instagram und Co. in dem Moment, denn wenn du teilweise oberflächlichen Bekanntschaften deine tiefsten Gefühle zeigst, wirst du eben teilweise auch oberflächliche und nicht immer angemessene Reaktionen erhalten. Das liegt aber nicht daran, dass es nicht in Ordnung ist zu trauern, sondern daran, dass du dir in dem Moment für diese Situation das falsche Medium ausgesucht hast. Ruf deine Eltern an. Deine besten Freunde. Deinen Partner. Die Person deines Vertrauens. Teile deinen Schmerz mit ihnen. Dann wirst du auch ganz schnell feststellen: Es ist okay.

sh

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.