[MWJ] Warum man manchmal springen muss

Wenn ich jetzt zurück schaue, habe ich über das Projekt „Mein weizenfreies Jahr“ gar nicht lange nach gedacht. Ich habe das Buch (Die Weizenwampe) gelesen, war ein bisschen erschrocken über die Auswirkung, die der ständige Konsum von Weizen (oder eher Gluten) haben soll und angelockt von den positiven Aspekten, die angeblich eintreten sollen, wenn man den Weizen kompromisslos streicht.
Ich schreibe „angeblich“, da ich selbst keine Studien durchgeführt habe, oder ausreichend über das Thema weiß, um die genannte These untermauern oder widerlegen zu können. Ich habe lediglich gelesen, dass „Weizen und Gluten böse sind“. Diese These wurde mir jedoch so glaubhaft vermittelt, dass der Doktor, von dem dieses Buch stammt, entweder recht haben muss – oder ein begnadeter Autor ist. Denn die guten Autoren sind die, die eine Geschichte (also mehr oder weniger eine „Lüge“) wahr klingen lassen können. Selbst wenn du weißt, dass es eine Lüge ist. Was ich in diesem Fall aber eben nicht wissen kann.

Das Problem bei solchen Thesen: Je nach Buch, Dokumentation oder Blog ist auch Kuhmilch böse (Kasein), ebenso wie Obst und Gemüse (Gift gesprüht), Fleisch essen macht dick und krank, außerdem ist es unverantwortlich, hier wird zu viel Wasser verbraucht, dort zu viel Tiere gequält, veganes Essen ist langweilig und so richtig gesund lebst du ohnehin nur mit zusätzlichen Vitamintabletten. Nein warte… war da nicht was mit krebsfördernd? Obwohl du dem Krebs ja wieder vorbeugen könntest, wenn du die Erdbeerdiät machst und viele solcher Früchte in dich rein stopfst. Die allerdings wieder alle besprüht worden sind, weshalb du dich im Grunde auch krank machst – nur auf andere Art und Weise. Außerdem sind die meisten Erdbeeren importiert und du schadest nicht nur mehr dir, sondern auch der Umwelt.

Täglich prasseln auf uns so viele Theorien, Studien und Warnungen über unsere Ernährungsweisen ein, dass man sich irgendwann nur noch den Hut aus Aluminium aufsetzen und der Welt den Mittelfinger zeigen möchte.
Denn was sollen wir dann noch essen? Luft? Liebe? In der Luft sind Abgase und Liebe scheint heut zu tage schwer zu finden zu sein – weil sich niemand mehr wirklich traut. Und was nun? Verhungern?

Glaube, esse, korrigiere

Ich schweife gerade hardcode vom Thema ab, möchte obiges Gemaule aber noch kurz zu einem Fazit zusammen fassen:
Die richtige Ernährung ist heutzutage zur Glaubenssache geworden. Zumindest für mich. Ich kann mich nicht an alle Regeln halten, denn dann kann ich rein gar nichts mehr zu mir nehmen.
Also habe ich für mich meine eigenen Regeln aufgestellt: Wenn mir etwas glaubwürdig erscheint, teste ich es.
Hat das Hinzufügen oder Weglassen von Nahrungsmitteln keinen besonderen Einfluss auf mich, ist diese These für mich vom Tisch. Bemerke ich eine spürbare Verbesserung oder Verschlechterung, stelle ich etwas um.
Eine Regel, die immer bestehen bleibt ist der Grundsatz: Zuviel von irgendetwas schadet immer. Egal was es ist. Testen werde ich ansonsten nur die Thesen, die mir logisch und glaubwürdig kommuniziert werden – wie eben in dem oben genannten Buch.

Aus diesem Grund habe ich (um nun in genialer Überleitung den Bogen zurück zum eigentlichen Thema zu schlagen 😀 ) wie gesagt nicht lange darüber nach gedacht, was es überhaupt bedeutet, ein Jahr lang auf Weizen zu verzichten. Trotzdem hat der ein oder andere Zweifel natürlich schon an mir genagt. Ich müsste auf sehr vieles verzichten, es würde kompliziert werden und vermutlich werde ich auch einer Menge Leute auf den Geist gehen.
Warum ich es trotzdem gemacht habe? Eben weil ich nicht allzu lange darüber nach gedacht habe.

Nicht nur Essen

Und genau das ist für mich das spannende an diesem Jahr: Ich lerne.
Nicht nur, ob diese These (für mich) stimmt oder nicht, sondern auch sehr viel neues. Welche Lebensmittel es noch so gibt und die ich nie ausprobiert hätte, wenn ich einfach stumpf zur Tiefkühlpizza hätte greifen können. Oder wie einfallsreich ich werden kann, wenn ich etwas trotzdem will. Das glutenfreie Nahrungsmittel aus dem Supermarkt super viel Kohlenhydrate enthalten, weil sie stattdessen mit Mais-Ersatzprodukten statt mit Weizenmehl gemacht werden. Und das diese glutenfree-Fertigprodukte gar nicht mal so lecker schmecken. 😀

Vor allem aber lerne ich immer wieder neues, oder rufe mir altes Wissen über das Leben an sich in Erinnerung. Ich lerne Dinge, die eigentlich rein gar nichts damit zu tun haben, ob ein Weizenkorn auf meinem Teller landet, oder nicht. Weil mich der Verzicht dazu bringt, in Richtungen zu denken, von denen ich vorher nicht einmal wusste. Und ich liebe es, dieses Wissen mit dir zu teilen. Weil ich selbst so viel von anderen gelernt habe und immer noch lerne, indem ich deren Blogs, Bücher oder Hörbücher lese bzw. anhöre.

Inzwischen bin ich im vierten Monat (des Weizenverzichts, ne?) und muss ehrlich zugeben: Hell yes, manchmal vermisse ich bestimmte Lebensmittel. Dann starre ich neidisch auf jemanden der Pizza isst, oder denke sehnsüchtig an dieses Studentenrestaurant, das diese mega leckeren Burger macht (für Berliner: Bahnhof Friedrichstraße, einer der Läden hinter Wonderpots, aber fragt nicht nach dem Namen, hatte damals nicht drauf geschaut). Dann male ich mir mein Silvester aus, bzw. den Tag danach und was ich dann alles essen will. Und ja, manchmal helfen mir allein diese kleinen Tagträumereien über den Moment des „ich will jetzt!“ hinweg. Denn ein Verzicht ist nun mal genau das: Ein Verzicht. Egal wie leicht er mir die meiste Zeit fällt und egal wie sehr es sich für mich auszahlt: Manchmal vermisse ich eben doch das ein oder andere.
Aber das ist okay für mich. Ich bin froh, dass ich gesprungen bin, denn wenn ich länger darüber nachgedacht hätte, hätte ich es bestimmt nicht getan. Damit wären mir aber ein paar tolle Erfahrungen und eine Menge neues Wissen entgangen.

Du kannst dich selbst aus guten Ideen „herausreden“. „Talk yourself out of it“ heißt es im Englischen und bedeutet nichts anderes, als das du eine gute Idee nimmst, die ein wenig Mut erfordert und so lange darüber nachdenkst, bis sie zu einer monströsen, unschaffbaren Aufgabe heran gewachsen ist. Du machst sie selbst so groß und so schrecklich, dass du hinterher nicht mehr den Mut aufbringst, um sie anzugehen. Stattdessen verlegst du dich darauf, Ausreden dafür zu finden, es nicht umsetzen zu müssen. Und schon ist wieder eine gute Idee gestorben. Deswegen: Springe. Nicht unbedingt immer, denn manchmal ist es gut, abzuwägen.
Aber tue es wenigstens hin und wieder. Springen, den ersten Schritt gehen oder wie auch immer du es nennen magst. Nur tu es – und lass dich überraschen, was du dadurch alles lernst und erlebst.

mealice

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