Bist du immer gut drauf?

„Du bist ja immer so ein Sonnenschein.“
„Du motivierst mich immer total!“
„Du hast ja eh immer gute Laune.“

Diese und ähnliche Sätze höre ich in letzter Zeit immer mal wieder von Leuten, mit denen ich privat semi bis wenig Kontakt habe. An sich erstmal ein schönes Kompliment, andererseits bringt es mich auch zum Nachdenken. Welche Außenwirkung habe ich? Ich schreibe meinen Blog und betreibe meine Facebookpage, um andere zu motivieren. Außerdem habe ich ein Buch geschrieben, um anderen Menschen dabei zu helfen, ihren Weg zu finden, so wie ich auch meinen vor einer Weile gefunden habe. Und natürlich äußere ich mich in öffentlichen Postings motiviert, anspornend und gut gelaunt.

„Ich wünschte, ich wäre immer so motiviert wie du. Dann würde ich es sicher auch schaffen.“

Wenn ich dann allerdings solche Aussagen höre, steigen in mir Zweifel auf, ob die anspornende, positive Art, in der ich schreibe, nicht auch gleichzeitig eine hemmende Wirkung auf andere haben kann.

Powermenschen

Powermenschen finde ich klasse. Sie springen aus dem Bett, starten gut gelaunt in den Tag und ziehen ihr Ding durch, um die Ziele in ihrem Leben zu erreichen. Auch ich habe einige Vorbilder, an denen ich mich orientiere, deren Lebensweisheiten ich täglich konsumiere und von denen ich mich nur zu gern antreiben lasse. Ich selbst bin bemüht, auch aus mir einen Powermenschen zu machen, um gut voran zu kommen und so viele Leute wie möglich mit mir zu ziehen. Wann immer ich einen Kommentar oder auch eine Mail / persönliche Nachricht erhalte, in der mir ein Leser erzählt wie sehr ihn meine Texte anspornen, strahle ich vor Freude so sehr, dass man damit unseren ganzen Häuserblock für eine Nacht mit Strom versorgen könnte. Weil ihr mir mit euren Reaktionen zeigt, dass ich mir hier nicht umsonst die Finger wund tippe, sondern dass das was ich schreibe, euch wirklich erreicht – und vor allem weiter hilft.

Die Kehrseite der Medaille

Die Kehrseite dagegen sind Kommentare wie der obige. Kommentare, die einen Anflug von „eingeschüchtert sein“, von „Stufendenken“ ausstrahlen. Denn ein „immer so motiviert“ gibt es nicht. Bei dir nicht, bei mir nicht und mit Sicherheit auch bei meinen Powermenschen-Vorbildern nicht.
Auch ich erlebe Tage, an denen ich nicht wirklich aus dem Knick komme. Tage, an denen ich mir die To Do Liste voll knalle und davon dann genau 0,00% abarbeite. Tage, an denen ich müde und unmotiviert bin, faul und schlapp. Tage, an denen ich traurig bin und nichts geregelt bekomme.

Mein Leben hat sich in den letzten Jahren um 180° gedreht und ich liebe es bis in die letzte Sekunde. Ich habe bis jetzt schon mehr erreicht, als ich mir damals erhofft habe und ich weiß, dass ich noch sehr viel mehr erreichen werde, als ich es mir jetzt wage vor zu stellen.
Aber das bedeutet nicht, dass ich 24/7 volle Power fahre. Manchmal wünschte ich mir, dass ich das könnte. Das ich nie zweifeln oder gegen die Müdigkeit ankämpfen müsste. Das mir die Dinge leicht fallen würden und das ich mich nicht mit Problemen oder Aufgaben befassen müsste, auf die ich keine Lust habe. Manchmal wünschte ich, dass mein Leben einfacher, oder bestimmte Herausforderungen an denen ich noch feilen muss, schon längst gelöst wären.

Aber so ist das Leben nicht. Leben bedeutet stetige Arbeit. An mir, für mich, für dich. Leben, das bedeutet auch mal faul zu sein und den inneren Schweinehund siegen zu lassen. Es bedeutet, auch mal schlechte Laune zu haben, oder deinem unmittelbaren Umfeld auf den Zünder zu gehen. Es bedeutet, auch mal zu streiten oder zickig zu sein, zu schmollen und seinen Willen durch zu setzen, auch wenn man selbst weiß, dass man gerade einfach nur seinen Dickkopf durchsetzt. Weil man es jetzt eben so will und nicht, weil es für alle Beteiligten das Beste ist. Und es bedeutet, sich auch mal aufzuraffen, wenn man gar keine Lust hat. Sich durch zu beißen und dran zu bleiben, auch wenn dir schon die Augen zu fallen. Oder ins Bett zu gehen, wenn du noch keine Lust hast, um genug Schlaf zu bekommen. Leben bedeutet, manchmal vernünftig zu sein, auch wenn es keinen Spaß macht und gleichzeitig bedeutet es, auch mal unvernünftig zu sein, wenn du es eigentlich besser wissen müsstest.

Manchmal…

Ich nasche manchmal, auch wenn ich weiß, dass ich mich hinterher ärgere.
Ich schwänze auch mal drei Tage hintereinander den Sport, auch wenn ich weiß, dass es mir nicht gut tut.
Ich hänge manchmal die halbe Nacht am Handy, um mit einer Person zu schreiben die ich wirklich gern hab, auch wenn ich weiß das ich eigentlich schlafen sollte. Und ich liege wenn ich frei habe, auch mal den ganzen Tag im Bett, auch wenn ich eigentlich so viel schaffen wollte.

Solche Tage gibt es. Sie halten dich auf, werfen dich vielleicht auch ein wenig zurück – aber sie sind menschlich. Du musst nicht immer nur motiviert sein, um deine Ziele zu erreichen. Das ist niemand. Jeder von uns durchlebt Hoch- und Tiefphasen und niemand ist ein dauerfröhliches Grinsebunny mit einer Duracell-Batterie im Arsch. Wichtig ist nur, dass du es wirklich, wirklich willst. Dann überstehst du auch deine Tiefs, rappelst dich wieder auf und denkst dir: „Ja, das war jetzt nicht so klug oder produktiv. Scheiß drauf. Ich mach trotzdem weiter.“

Lass dich nicht einschüchtern oder dir einreden, dass andere Leute so viel motivierter/toller/zweifelsfreier sind, erst recht nicht von mir. Nur weil du an dir arbeiten und dich weiter entwickeln musst, um deine Wünsche umzusetzen, heißt das nicht, dass du nicht jetzt schon ein toller Mensch bist. Du musst dich lediglich strecken und weiter entwickeln, um wieder eine Stufe weiter zu kommen.

Wenn ich zurück blicke, habe ich in den letzten paar Jahren eine wahnsinnige Entwicklung durch gemacht und schon unglaublich viel erreicht. Trotzdem habe ich heute – an meinem freien Tag – bis elf Uhr Abends gebraucht, um diesen Artikel zu verfassen. Obwohl ich motiviert bin, obwohl ich das Thema mag und obwohl ich unglaublich gerne für dich blogge. Einfach weil das Wetter heute mies war und ich nicht aus dem Knick kam. Das war der faule Teil. Überhaupt gebloggt habe ich heute nur, weil Montag ist und du Montags immer einen Artikel von mir erhälst. Das war der Teil, in dem ich mich aufraffen musste, auch wenn ich heute eigentlich keine rechte Lust hatte. Und das ist auch schon das ganze Geheimnis. Du darfst auch faul sein, du darfst auch mal schwächeln – solange du dich trotzdem aufraffst, wenn es nötig ist, hälst du die Sache am Laufen.
Morgen ist wieder ein neuer Tag, einer, an dem ich mich wieder motivierter in meine Aufgaben stürze und weiter an meinem Projekt arbeite, das ich mir für meine Urlaubswoche vorgenommen habe. Aber heute – heute ist so ein fauler Tag, den ich jetzt genüsslich ausklingen lasse. 😉

mealice

4 Gedanken zu „Bist du immer gut drauf?

  1. Schön menschlich, der Artikel.
    Ich glaube, ich wirke auf Außenstehende auch wie die permanent motivierte Akkordschreiberin, bei der es nur nach vorne geht.
    Aber das liegt daran, dass wir meistens nur das Gute mit dem Internet teilen. Aus vielen Gründen. Ich finde es beispielsweise eher dämlich, wenn manche Leute all ihr Leiden auf Facebook ausbreiten und sich dann bemitleiden lassen. Muss ich persönlich nicht haben.
    Und muss mir dann immer wieder anhören, bei mir ginge alles immer perfekt seinen Gang und ich wäre doch ach sooo pseudotoll und hätte keine Probleme.
    Von daher kann ich deinen Post gerade sehr gut nachvollziehen <3

    1. DU bist ja auch eine Schreibmaschine! 😀 Nein, Spaß beiseite, du gehörst für mich auch zu den Menschen, die mich motivieren, weil du immer so viel mehr zu schaffen scheinst als ich. Hin und wieder müssen wir glaube ich alle inne halten und uns klar machen, das jeder von uns mit kleinen oder großen Problemchen kennt. Öffentliches Gejammer für Mitleid finde ich übrigens auch nicht zielführend. Dafür habe ich Freunde und Familie, die mir zuhören, mich aufbauen und mich dann aber auch treten, wenn ich Gefahr laufe, ins Jammertal abzurutschen. Denn Dauermitleid hilft niemandem weiter.

        1. … und mehr, bin ja noch nicht fertig für heute. xD Will mir aber deine Angewohnheit aneignen, da ich denke, dass ich auf Dauer mit „x Worten täglich“ schneller zum Ziel komme.

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