Schlechtes Gewissen?

Viele Menschen kennen das Problem: Wo man auch geht und steht, was man auch anpackt, das schlechte Gewissen begleitet einen auf Schritt und Tritt. Auch wenn ich den Männern ein gewisses Schuldempfinden nicht absprechen möchte, habe ich manchmal den Eindruck, das gerade Frauen der Meinung sind, alle Verantwortung der Welt auf ihre Schultern laden zu müssen.

Dabei ist es völlig nebensächlich, ob wir an einer Situation wirklich Schuld sind oder nicht. Immerhin hätten wir doch an dieser  oder jener Stelle anders handeln, etwas anderes sagen können, um den Ausgang einer Situation zum Besseren zu beeinflussen. Selbst wenn sich jemand ganz allein in die Misere geritten hat, hätten wir doch etwas bemerken und die ganze Sache verhindern müssen. 

Das Empfinden von Schuld rührt daher, das wir automatisch für alles die Verantwortung übernehmen. Wir neigen dazu zu glauben, das wir alles Unheil in unserem unmittelbaren Umfeld verhindern, das wir alles wissen und vorhersehen müssen und das uns Fehler nicht erlaubt sind.

Also haben wir immer Schuld?

Das ist – mit Verlaub – völliger Blödsinn. Nicht immer sind wir Schuld, nur weil es irgendjemand behauptet.
Es gibt viele Gründe, wieso die Schuld letzten Endes bei uns landet und bis auf einen einzigen – das wir wirklich etwas verschuldet haben – sind sie alle miteinander an den Haaren herbei gezogen.

Beliebte Gründe anderer, uns die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen:

  • weil es bequem ist
  • weil sie selbst keine Verantwortung und damit Schuld tragen wollen
  • weil wir sie so freiwillig entgegen nehmen
  • weil jmd. uns ein schlechtes Gewissen einredet, damit wir tun was er will
  • weil jmd. uns ein schlechtes Gewissen einredet, damit wir uns schlecht fühlen
  • weil er/sie selbstgerecht handeln
  • weil er/sie es kann

Wieso können uns andere ein schlechtes Gewissen einreden?

Wie man an der Auflistung sieht, werden falsche Schuldzuweisungen oftmals aus niederen Beweggründen ausgesprochen, sei es weil man die eigene Weste rein halten, sich nicht mit den selbst verursachten Konsequenzen auseinander setzen, oder dem anderen aus selbstgerechten Gefühlen heraus einfach schaden will.
Oftmals erkennt der Schädigende nicht einmal was er tut, weil er so in seine Selbstüberzeugung verstrickt ist, das er einfach los legt und unbarmherzig auf den vermeintlich Schuldigen eindrischt, mit der Absicht bei ihm schlechte Gefühle auszulösen. Warum? Damit er selbst sich besser fühlt, weil es der andere „verdient“ hat (auch wenn das nicht einmal stimmt) oder weil derjenige es einfach immer mit sich machen lässt.
Und genau das ist der eigentliche Kern des Problems:

Wir selbst lassen es zu.

Wie schafft man es aber, zu erkennen wann wir wirklich Schuld an etwas tragen, wann ein schlechtes Gewissen tatsächlich gerechtfertigt ist und wann jemand versucht, uns – aus welchen Gründen auch immer – ein schlechtes Gewissen einzureden?

Das (falsche) schlechte Gewissen ablegen

Um wirklich heraus zu finden wann unser schlechtes Gewissen gerechtfertigt ist, hilft nur eines:
Gnadenlose Ehrlichkeit gegenüber uns selbst und anderen.
Diejenigen, die am meisten Einfluss darauf haben wie wir uns fühlen, sind die Menschen die uns am nächsten stehen. Menschen, die wir lieben und die uns lieben und die dennoch nicht davor gefeit sind, uns auszunutzen oder emotional zu manipulieren, wenn sie es für nötig halten.

Sich einzugestehen das der Vater, die Schwester, der geliebte Opa oder vielleicht sogar der Lebenspartner selbst uns ungerechtfertigterweise ein schlechtes Gewissen einreden, bedeutet gleichermaßen, dem geliebten Menschen etwas schlechtes zu unterstellen.

Das fühlt sich nicht gut an, oder? Und Zack – wieder sitzt man in der Falle des schlechten Gewissens.
Dieses Mal, weil man es gewagt hat, einem Menschen den man liebt, eine gewisse Böswilligkeit uns gegenüber zu unterstellen.
Um aus dem sumpfigen Morast des schlechten Gewissens zu entkommen, ist es also nötig so zu denken, das unser auf Schuld gepoltes Empfinden weitere Schuld empfindet und vor dem Ausweg (der Wahrheit) zurück schreckt.

Das ganze ist ein Teufelskreis aus Schuld und falschen Annahmen, aus dem man – einmal hinein gestoßen – nur schwer wieder hinaus kommt.

Die eigene Sichtweise verändern

Es gibt ein schönes Zitat – ich weiß leider nicht von wem – das ich an dieser Stelle einstreuen möchte:

Sie sagen, ich hätte mich verändert. Dabei habe ich einfach nur aufgehört so zu sein wie sie es gern hätten.

Wenn man zu den Menschen gehört, die sich ständig von anderen ein schlechtes Gewissen einreden lassen, die zulassen das man (verbal) auf sie einprügelt, obwohl sie selbst bei Licht betrachtet keinerlei Schuld tragen, ist es wichtig, das man die eigene Sichtweise verändert.

Die Sichtweise auf sich selbst

Grundlegend gilt: Ein einzelner Mensch kann nicht für alles die Verantwortung tragen.
Das bedeutet nicht, das man sich aus allem heraus zieht und nicht mehr zu den eigenen Fehlern steht.
Hierbei geht es viel mehr darum, sich nicht mehr die Fehler von anderen aufschwatzen zu lassen und sich vor allem nicht mehr auf emotionaler Ebene ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen, nur weil es dem anderen gerade in den Kram passt.

Dazu ein paar Merksätze:

  • Du bist genauso viel Wert, wie jeder andere Mensch auf diesem Planeten
  • Du trägst nicht für alles die Verantwortung
  • Jeder der als erwachsen und zurechnungsfähig gilt, ist für seine eigenen Taten selbst verantwortlich
  • Du kannst nicht alles und jeden retten
  • Du sollst auch gar nicht alles und jeden retten
  • In allererster Instanz bist du für dich selbst verantwortlich (Ausnahme: Eigene Kinder)
  • Nur weil andere schlecht über dich reden, bedeutet es nicht das das stimmt
  • Du bist es wert, für dich selbst einzustehen
  • Wehr dich!

Die Sichtweise auf andere

Genauso wichtig wie es ist, sich selbst wert zu schätzen, sich selbst mehr zuzutrauen und sich selbst wichtiger zu nehmen, ist es, andere nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen.
Egal wie nah man einem Menschen steht, egal wie sehr man möchte das er ausschließlich gut und rein ist, das er einen liebt und immer gut behandelt, das er immer Recht hat wenn er unfair zu uns ist, weil er uns nie etwas böses wollen würde – ganz egal wie sehr man daran glauben will, so ist es nicht.
Es ist wichtig uns selbst als Menschen wahr zu nehmen, mit allen Fehlern und Tugenden, mit allen Pflichten, aber auch mit allen Rechten.
Und genauso wichtig ist es, auch andere als Menschen wahr zu nehmen. Niemand hat es verdient auf einem Podest zu stehen und als unantastbar zu gelten, weil niemand diesem Anspruch jemals gerecht werden kann.

  • Ja, wenn dein Vater miese Laune hat, versucht er dir ein schlechtes Gewissen einzureden, weil er denkt das er im Recht ist, auch wenn er es nicht ist.
  • Ja, wenn dein Lebenspartner einen Vorteil daraus ziehen kann, wenn dir ins Gewissen redet, dann wird er das früher oder später tun.
  • Ja, wenn deine beste Freundin weiß das sie bekommt was sie will, sobald sie dich anzickt – wird sie es tun.

Das Problem mit der Sicht auf andere ist die, das wir oft vergessen, sie als Menschen wahr zu nehmen. Menschen sind nicht perfekt. Egal wie sehr sie uns lieben und egal wie sehr wir wollen das sie uns niemals etwas böses wollen, wenn sie die Gelegenheit haben sich als Stärkerer gegenüber einem emotional Schwächeren einen Vorteil zu verschaffen, dann werden sie es tun. Weil Menschen nun einmal so sind.

Wichtig ist es, das zu erkennen und anzunehmen. Es bedeutet nicht, das alle die ihr liebt böse sind oder euch mit Absicht schaden wollen. Aber es bedeutet das es passiert, wenn ihr es zulasst.
Dagegen gilt es eine innere Haltung auf zu bauen. Ob diese nun als „links rein, rechts raus“ oder „rutsch mir doch den Buckel runter“ betitelt wird, ist ganz gleich.
Die Hauptsache ist es, das ihr selbst zu unterscheiden lernt, wann ein schlechtes Gewissen angebracht ist  – und wann nicht.

Kennt ihr jemanden, der euch regelmäßig versucht ein schlechtes Gewissen einzureden?
Versucht, euch die ganze Situation anzusehen und auch die Sichtweise der entsprechenden Person zu sehen.
Geht es dieser Person gerade schlecht? Wieso? Was ist passiert?
Welchen Vorteil könnte diese Person für sich selbst daraus ziehen, wenn sie euch ins Gewissen redet?
Geht es ihr dann besser? Hat sie es euch dann „gegeben“?
Wie wirkt sich die ganze Situation auf euer Empfinden aus?
Ist das Verhältnis so für euch tragbar? Könnt ihr diesen Manipulationsversuch ignorieren?
Oder ist es besser, ein klärendes Gespräch zu suchen?

Me, Alice

Ein Gedanke zu „Schlechtes Gewissen?

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