An die Eltern

Nun ist es soweit. Man ist ausgezogen, beginnt einen neuen Lebensabschnitt und die ersten Dinge dieses Abschnittes sind im groben und ganzen auch geregelt. Doch was ist mit denen die zurück geblieben sind und fortan einen leeren Raum vorfinden, wenn sie in das Zimmer ihres Kindes gehen?

Dieser Artikel ist Teil der Serie “Ich zieh dann mal aus – Meine erste eigene Wohnung“.

Wir sind noch da

Fürs erste: Diejenigen die nicht gerade im größten Familienkrach auseinander gegangen sind, können ganz beruhigt sein, denn „wir Kids“ sind nicht für immer verschwunden. Wir sind nicht mehr da wenn ihr unser Zimmer betretet und wir sitzen nicht mehr am Frühstückstisch mit euch. Auch maulen wir euch nicht an wenn wir aufstehen/wach sind/halb wach sind/gehen/nach Hause kommen/essen/nicht essen/im Zimmer sitzen/im Wohnzimmer sitzen/im Bad sind/den Müll nicht runterbringen wollen etc. pp. – aber wir sind nicht aus der Welt. Und weil wir euch lieben, egal wie anstrengend wir waren, habe ich stellvertretend für Diejenigen die nicht wollen/können einen Brief für euch geschrieben.

Liebe Eltern,

wir waren manchmal ganz schön schlimm, nicht?
Aber jetzt kommt die Zeit, in der wir das im Nachhinein auch bemerken.
In der wir gewisse Dinge einsehen und irgendwann werden wir (selbst wenn nur innerlich vor uns selbst) zugeben müssen: Ihr hattet mit vielem Recht was wir euch mit 16 niemals abgekauft hätten.
Ihr hattet recht, was die Stromrechnung anbelangt.
Ihr hattet recht das es einen Haufen Arbeit macht eine Wohnung sauber zu halten.
Ihr hattet recht, dass es hart ist selbst Geld verdienen zu müssen, selbst Verantwortung tragen zu müssen.
Ihr hattet recht damit das man auf seine Ausgaben achten muss, das Einkaufen ätzend aber notwendig ist.
Das man als Erwachsener nicht immer machen kann was man möchte.
Das das Leben nicht nur aus Spaß besteht.

Es kann sein das ihr nach unserem Auszug wochenlang nichts von uns hört. Aber das meinen wir nicht böse.
Wir fühlen uns nur gerade wie Etwas, das in die Freiheit entlassen wurde. Die große weite Welt ruft und wir müssen erstmal los rennen und uns alles ansehen was wir erfassen können.
Wir werden manchmal vergessen euch anzurufen und während ihr zu Hause Kreise in den Boden lauft und euch ausmalt wie wir allein daheim im Dunkeln sitzen und leiden, sind wir vermutlich mit unseren Freunden feiern.
Wenn wir euch dann anrufen, werden wir entweder nichts erzählen oder aufgeregt plappern bis euch die Ohren abfallen.
Aber wir werden höchstwahrscheinlich nicht fragen wie es euch geht.
Nicht weil es uns nicht interessiert, sondern weil ihr unsere Eltern seid. Nach unserem Empfinden geht es euch immer gut.
Wir werden nicht verstehen, warum ihr zickig oder wütend werdet, weil wir ein Treffen zum dritten Mal aus Lustlosigkeit absagen, oder es vergessen und uns anderweitig verabreden.

Aber es wird die Zeit kommen, in der sich die Dinge eingependelt haben. In der wir unsere Eltern wieder brauchen, sei es weil wir uns mit den Ämtern herum schlagen müssen, eine Frage bezüglich irgendetwas haben oder euch das tolle Kuchenrezept aus dem Kreuz leiern wollen weil eine Party ansteht. Vermutlich werden wir auch wieder öfter bei euch aufkreuzen und den Kühlschrank plündern, wie früher. Vielleicht bleiben wir auch, um einen Film zu schauen und etwas mit euch zu trinken. Das Abendessen werden wir auch noch mitnehmen, ebenso den Proviant für den Weg und dieses und jenes Haushaltsgerät das ihr netterweise entbehren könnt.
Wir werden uns in plündernde Vandalen verwandeln, die bei Gelegenheit über euch herfallen und dann wieder dem Ruf der Wildnis folgen.

Weil wir immer noch eure Kinder sind. Weil wir euren Erfahrungen vertrauen und Wert auf eure Meinung legen. Weil wir uns zu Hause immer noch wohl fühlen und weil ihr immer noch mit die wichtigsten Menschen für uns seid. Weil wir immer eure Kinder bleiben werden. Weil wir euch ganz heimlich manchmal vermissen.
Weil wir euch lieb haben.

Eure Kinder

Und abgeschickt

Mir ist bewusst, dass das nicht auf alle Familien zutrifft. Manche gehen auch im Streit auseinander und wollen nichts mehr miteinander zu tun haben. Mein Brief richtet sich an alle, die das Glück haben eine ganz normal-verrückte Familie zu haben. Deren Kinder ausziehen weil sie flügge sind und die ihre Kinder vermissen. An Eltern die sich wünschten ihre Kinder würden zurück kommen und an Eltern die ihre Kinder auch lieben, aber froh sind das sie den Absprung endlich geschafft haben.
Es ist ganz egal wie lange wir brauchen bis wir zurück kommen und uns von unserer Seite aus melden. Es ist egal ob wir anhänglich oder freiheitsliebend sind, ob wir uns dreimal die Woche melden oder einmal alle drei Monate.
Wir lieben euch und je älter wir werden, desto besser werden wir euch verstehen. Wir sind euch dankbar dafür das ihr uns groß gezogen, erzogen, geliebt und auf diese Welt vorbereitet habt so gut ihr konntet.
Ihr wart nicht perfekt und das werden wir auch nicht sein.
Aber ihr habt uns groß bekommen und jetzt leben wir unser eigenes Leben in eigener Verantwortung und das bedeutet: Ihr habt eure Sache gut gemacht.

Danke.

Me, Alice

3 Gedanken zu „An die Eltern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.