Ich ziehe aus, was tun? Teil I – Erste Überlegungen

Es ist soweit. Irgendwann ist die Grenze an Streitereien überschritten, man muss wegen der Ausbildung in eine andere Stadt ziehen, will in der Nähe des Liebsten sein, vielleicht sogar schon mit ihm zusammen ziehen oder einfach „sein eigenes Ding machen“. Die Gründe sind vielfältig, die Konsequenz jedoch stets dieselbe: Man wird flügge und verlässt die elterlichen Gefilde.
Ist diese Entscheidung erst einmal getroffen, steht man vor einer Menge Fragen. Diese werde ich in den nächsten Artikeln erörtern und beantworten. Falls euch noch mehr Fragen einfallen, stellt sie einfach in den Kommentaren oder gern auch anonym an mealice@arcor.de.

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ich zieh dann mal aus – Meine erste eigene Wohnung„.
Da es zwischen minderjährigen und volljährigen Nestflüchtern Unterschiede gibt, beschränke ich mich in meinen Artikeln auf die Gruppe der volljährigen Schulabgänger. Als ich auszog war ich volljährig und in der Ausbildung (verdiente also mein eigenes Geld) und da diese Serie auf meinen Erfahrungen beruht, möchte ich auch bei dieser Gruppe bleiben. Falls ihr Minderjährig seid und ausziehen wollt, setzt euch bitte mit dem Jugendamt in Verbindung und lasst euch einen Termin zur Beratung geben.

Wie möchte ich wohnen, was kann ich mir leisten?

Beim Wunsch eine erste eigene Wohnung zu beziehen sollte man als allererstes auf seine Finanzen schauen – und zwar auf die realen Finanzen. Mit einem „ich mach das schon irgendwie“ und „wenn ich eine Wohnung habe, fange ich auch an mir einen Job zu suchen“ ist euch nicht geholfen. Sofern ihr noch in der Ausbildung steckt, braucht ihr einen Bürgen, also einen berufstätigen Erwachsenen, der über genug Einkommen verfügt und dem Vermieter schriftlich zusichert, eure Miete zu bezahlen, wenn ihr es nicht schafft. Dieser Bürge setzt mit seiner Unterschrift großes Vertrauen in euch, denn natürlich ist diese Zusage nur eine Absicherung damit ihr euer eigenes Ding machen könnt – und keine Zusage, fortan eure Miete zu bezahlen. Rechnet diesen Bürgen also nicht (!) in eure Finanzen mit ein, sondern seht die Bürgschaft als notwendiges Übel an, ein weiterer Schein der ausgefüllt und abgegeben werden muss, damit ihr eure Wohnung bekommt.
Gehen wir also mal davon aus das ihr einen Bürgen habt und auch in einer Ausbildung seid, um überhaupt selbst Miete zahlen zu können.
Wenn ihr keine Ausbildung und auch keinen Job habt, sprich kein eigenes Einkommen, solltet ihr euch zuerst darum kümmern und dann um eine eigene Wohnung. Anders sieht es natürlich aus wenn ihr umziehen müsst, um eine bestimmte Ausbildung zu bekommen. In diesem Fall kann man aber oft mit dem Ausbildungsbetrieb und den Ämtern etwas aushandeln.

Das eigene Einkommen solltet ihr bereits seit drei Monaten beziehen, denn das ist die Anzahl der Nachweise, die ihr bei der Bewerbung um eine Wohnung vorlegen müsst. Die drei letzten Einkommensscheine sind Pflicht, ebenso die Bürgschaft, ein Auszug aus der Schufa (bzw. die Erlaubnis für den Vermieter diese Information einzuholen) und ein Nachweis über Mietschuldenfreiheit. Letzteres entfällt natürlich wenn angegeben wird das es sich um die erste Wohnung handelt.
Der Einfachheit halber geben die Vermieter oft bei der Ausschreibung der Wohnung mit an, welches Mindesteinkommen ihr haben müsst, falls nicht könnt ihr es erfragen.
Wie gesagt, hier ist es nicht nur besser mit dem zu rechnen was ihr auch wirklich in der Hand habt, sondern ihr werdet durch die Vermieter praktisch dazu gezwungen, da diese natürlich nur Mieter haben wollen, die auch fähig sind zu zahlen.

Bevor ihr euch nun auf eine Wohnung stürzt, solltet ihr allerdings in euch gehen und eine Aufstellung eurer monatlichen Ausgaben machen. Wie viel gebt ihr pro Monat ungefähr für Klamotten aus? Wie viel für Kosmetik, Clubs, Kino, Zeitschriften, evt. Haustiere die ihr mitnehmen wollt? Fragt eure Eltern wie viel ihr pro Monat mit Ausgaben für Lebensmittel rechnen müsst (und schlagt zur Sicherheit noch ungefähr 30€ drauf, bis ihr ein Gefühl für eure Ausgaben entwickelt habt). Wenn ihr all das zusammen getragen habt, stellt euch die Frage, ob ihr dabei bleiben wollt, oder ob ihr bereit seid, eure Ausgaben an der ein oder anderen Stelle einzuschränken. Der Rest der nun noch übrig bleibt, ist das was ihr für die Miete habt.

Stimmt das? Nein! Selbst wenn ihr mit der Warmmiete rechnet, kommen noch Kosten wie Telefon und Internet, Strom, evt. Gas, GEZ, Versicherungen (Hausrat und Haftpflicht solltet ihr mindestens abschließen) und einiges andere hinzu.
Wie ihr jetzt schon seht, schrumpft der Teil den ihr nachher wirklich an Geld übrig habt, ziemlich schnell zusammen. Das Leben in einer eigenen Wohnung besteht nicht nur aus Party und „ich kann tun und lassen was ich will“, sondern aus Verantwortung, Pflichten – und Kosten.

Wo kann ich nach Wohnungen suchen?

Wenn ihr euch ausgerechnet habt, was für die Miete übrig bleibt, könnt ihr anfangen, euch um eine Wohnung zu kümmern. Dazu solltet ihr einige Überlegungen anstellen, um die Suche von vornherein einzuschränken.

  1. Wo möchte ich wohnen, in welcher Stadt/in welchem Bezirk?
  2. Wie viele Zimmer/qm möchte ich haben (in Verbindung mit „was kann ich mir leisten“)?
  3. Möchte ich im Erdgeschoss wohnen oder in den oberen Etagen?
  4. Welche Extras soll die Wohnung haben (Keller, Balkon, Fahrstuhl, Einbauküche, usw)?
  5. Möchte ich ganz allein wohnen oder eine WG gründen?

Wenn ihr euch diese Fragen beantwortet, fällt es euch leichter, unpassende Angebote von vorn herein auszusortieren. Als erste Anlaufstelle empfehle ich immobilienscout24.de. Dort könnt ihr präzise Angaben machen und Suchaufträge einstellen, mit Hilfe derer euch passende Wohnungsangebote per Mail zugesendet werden. Zusätzlich könnt ihr natürlich selbst ein wenig stöbern. Eine weitere Möglichkeit ist es, für die Gegend in die ihr ziehen wollt, nach den Wohnungsgesellschaften zu googlen und euch dort direkt nach freien Wohnungen zu erkundigen.
Generell gilt: Bewegt euch. Nur weil ihr einen Suchauftrag einstellt und dann mal „ein bisschen klickt“ findet ihr keine Wohnung. Schaut jeden Tag rein, schaut euch die Wohnungen vor allem auch an, baut selbst Kontakte auf und beantwortet Mails vor allem zeitnah – nur wer sich bewegt, bekommt auch was er will.

Ich habe einen Besichtigungstermin – was muss ich beachten?

Vorweg: In den seltensten Fällen ist die erste Wohnung die man besichtigt, auch die Wohnung die man haben will oder bekommt. Oft dauert es eine ganze Weile bis man eine Wohnung findet (also lieber frühzeitig mit der Suche beginnen) und dann steht immer noch nicht fest, ob man selbst oder ein Mitbewerber den Zuschlag erhält.
Habt ihr aber einen Termin, taucht die nächsten Frage auf: Was ist nun zu beachten?

Mein Tipp: Nehmt einen Erwachsenen eures Vertrauens mit. Es gibt so vieles auf das man achten sollte und was ihr einfach nicht wissen könnt.

Kann man Türen und Fenster schließen oder klemmen sie?
Wie sieht es mit Steckdosen aus?
Muss man noch viel renovieren?
Gibt es unangenehme Gerüche in der Wohnung?
Wird in der Wohnung, am Haus oder in der Nähe gebaut?
Gibt es schon Anschlüsse für die Lampen?
Sind die Wände feucht oder trocken?
Ist Schimmel im Bad zu finden?
Ist das Badezimmer groß genug?
Gibt es bereits einen Boden oder muss dieser noch verlegt werden?
Funktionieren die Wasseranschlüsse?
Funktionieren die Stromanschlüsse?
Wo ist der Sicherungskasten?
Wie funktioniert er?
Wo ist der Müllplatz?
Wie sind die Verkehrsverbindungen?
Wirkt die Nachbarschaft sicher oder fühlt ihr euch unwohl?

Sicher gibt es noch vieles mehr auf das man achten muss und selbst ich nehme zu Besichtigungsterminen noch immer jemanden mit, weil vier oder sechs Augen auch einfach mehr sehen und auf mehr achten als wenn man allein geht. Und in dieser Sache solltet ihr euch auch nicht auf euren besten Freund oder die beste Freundin verlassen, nur weil ihr sie mögt. Tut euch selbst einen Gefallen und nehmt jemanden mit, der wirklich ein bisschen Ahnung und Erfahrung darin hat, auf was man achten sollte. Darüber hinaus sind eure Freunde oder der/die Liebste meistens genauso aufgeregt und aufgeputscht wie ihr selbst – all das bringt euch auf lange Sicht allerdings keinen Gewinn.

Zum Schluss noch ein letzer Rat zu eurer Erscheinung: Auch wenn ihr die Sonntagsklamotten die Mutti euch gekauft hat nicht mögt: Zieht sie an. Selbstverwirklichung hin oder her, ihr geht dort hin um eine Wohnung zu bekommen, also solltet ihr auch einen anständigen Eindruck hinterlassen. Gerade wenn es mehrere Interessenten für die Wohnung gibt, ist eine verwahrloste Erscheinung oft schon ein Ausschlusskriterium. Denn dem Vermieter signalisiert ihr damit: „Ich achte nicht auf mich selbst, also werde ich auch die Wohnung nicht pflegen und sauber halten.“
So ungerecht euch das auch erscheinen mag, ist es eine unumstößliche Tatsache und eine Wohnungsbesichtigung ist keine Plattform der revolutionären Selbstdarstellung. Ihr wollt eine Wohnung bekommen, also zeigt den Leuten die euch diese Wohnung geben sollen ein wenig Respekt und Entgegenkommen. Es bedeutet ja nicht, dass ihr euch fortan selbst verleugnen und verbiegen müsst. Sondern dass ihr euch für die halbe Stunde die dieser Termin dauert ordentlich kleidet und euch benehmt. Betrachtet es einfach als eine Teilprüfung beim Erwachsen werden. 😉

Zusammenfassung:

In Kurzform noch einmal die wichtigsten Punkte:

  • rechnet nur mit dem Geld, das ihr am Monatsende sicher in der Hand habt
  • überlegt euch vorher, was ihr euch leisten könnt und bleibt dabei realistisch
  • kümmert euch um einen Bürgen, rechnet ihn oder sie aber nicht in eure Finanzen mit ein
  • beantwortet die fünf Fragen unter „Wo kann ich nach Wohnungen suchen?“, bevor ihr euch an die Suche macht
  • dranbleiben, nur wer wirklich hinterher ist und sich aktiv um eine Wohnung kümmert, wird auch eine bekommen
  • nehmt einen Erwachsenen mit Erfahrung mit zur Besichtigung (zb. die Eltern, Oma, Opa, etc.)
  • macht euch notfalls vorher eine Checkliste auf was ihr achten wollt (Beispiele findet ihr im Abschnitt „Ich habe einen Besichtigungstermin – was muss ich beachten?“)
  • kleidet euch anständig während der Besichtigung und benehmt euch ordentlich

Falls euch dieser Artikel nicht völlig verschreckt und davon abgebracht hat in eine eigene Wohnung zu ziehen, erfahrt im nächsten Teil mehr darüber, was zu tun ist, wenn man die erste Wohnung gefunden hat.
Sollte ich etwas vergessen haben, lasst mir einfach einen Kommentar da, oder schreibt an mealice@arcor.de.

Me, Alice

7 Gedanken zu „Ich ziehe aus, was tun? Teil I – Erste Überlegungen

  1. Da sind sehr gute Tipps dabei :D.
    Leider hat man nicht immer die Chance – mein erstes eigenes Studentenwohnheimzimmer war die Katze im Sack: Ich wohnte 400 km entfernt und in ganz Mainz war nur ein einziges Studiwohnheimzimmer zu bekommen. Da habe ich zugegriffen, um nicht auf der Straße zu stehen und… lebte ein halbes Jahr lang in einem versifften Zimmer mit Kühlschrank drin, einer Gemeinschaftsküche die dauernd von Erasmusleuten blockiert wurde und einer Gemeinschaftsdusche, wo nur eine Kabine richtig schloss.
    Als es hieß, dass diese Bude dichtmacht und wir eine Wohnung im gerade gebauten Wohnheim bekommen können, habe ich ebenfalls blind unterschrieben – dabei war das Gebäude noch nicht mal fertig und wurde es erst Wochen nach meinem Einzug. Aber es hieß schnell sein, sonst hat jemand anders die wenigen begehrten Wohnheimappartements, die noch dazu nicht billig sind *seufz*.
    Besichtigen ist oft nicht drin, weil da jemand wohnt und die normalen Auszieh-EInzieh-Fristen bei Studiwohnheimen nicht gelten.

    1. Etwas blind anmieten ist natürlich immer blöd. Zum Glück musste ich das nie, sondern hatte immer die Gelegenheit, vorher eine Besichtigung durchzuführen. In meiner jetzigen Wohnung haben auch noch Vormieter gelebt, aber da ich den Kontakt direkt von Mieter zu Mieter hergestellt hatte, war das kein Problem. Die beiden haben händeringend einen Nachmieter gesucht und ich händeringend eine Wohnung, weil ich aus dem Bezirk in dem ich damals lebte dringend weg wollte.

      Manchmal passt es eben. *g*

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